„DAS DORF“

Kleine Macken fallen nicht ins Gewicht, wenn alle so nett sind wie hier

Im Restaurant „Das Dorf“. Die zwei vom Feinschmecker beim Abendessen.

DER EINE: Fröhliches Gläserklingen – dass die Stimmung im Keller ist, bekommt hier eine neue Bedeutung.

DER ANDERE: Keine billigen Witze, bitte! Wir sitzen im Denkmal „Dorf“, und schließlich stammt der Gewölbekeller unter der Apotheke aus dem Jahr 1848.

Ein Glück, dass das „Dorf“ wieder eröffnet hat. Viel hat sich nicht verändert – bildschöne Kachelöfen, Kerzenlicht, Klavier…

Und nostalgische Bilder an den Wänden. 200 sind’s wohl.

In den 80er- und 90er- Jahren aßen und tranken hier die Kreativen von St. Georg. „Das Dorf“ galt als Kantine des nahen Schauspielhauses.

Auch ich habe schöne Erinnerungen. Die Nächte waren lang und heiß.

Die neuen Betreiber haben Humor. „Zu viel des Guten kann wunderbar sein“, ist das Motto der Speisenkarte. Ein Zitat von Mae West, der Hollywood-Diva aus den 30er-Jahren.

Die war wirklich kein Kind von Traurigkeit.

Die Betreiber meinen damit auch ihre frische Hausmannskost zu fairen Preisen. Der Vier-Euro-Rote-Bete-Salat besteht aus klein gehackten, geriffelten Scheiben, wie man sie aus dem Glas kennt.

Als „Kleine Teufel“ und „sündhafte Genüsse“ werden die Vorspeisen tituliert. Dazu gehört der schwäbische Zwiebelrostbraten mit Röstkartoffeln für 750 Euro. Den kleinen Teufel habe ich schon besser gegessen.

Sie haben einen Hang zum Titeln hier. Die Überschriften in der Speisenkarte sind zweisprachig. Da steht neben Fisch Merifisk und neben vegetarisch smalasat. Klingt ein bisschen skandinavisch.

Ist aber althochdeutsch, hat die liebe Kellnerin gesagt.

Aha. Also wie „Muttis Rinderroulade“ für 16,50 Euro, Sie ist mürbe, die Klöße dazu schön fluffig. Nur der hausgemachte Rotkohl wirkt etwas müde.

Solche Macken fallen nicht ins Gewicht, wenn alle so nett sind. Meine hausgemachten Maultaschen im Sud sind ein Genuss, „Herrgotts B’Scheißerle“ kosten 14,50 Euro, sind mit Spinat und Pilzen gefüllt, und die Walnüsse passen dazu.

Na, dann ist ja gut. Ich fühle mich auch wohl im schummerigen Licht der Genusshöhle. Und St. Georgs Nachteulen haben wieder ein Zuhause.

Von: Winfried Bährsch & Achim Becker